Gründung und Ausbreitung

Von Anfang an baut alles Leben der Christengemeinschaft auf die Initiative des einzelnen Menschen, der seine Fähigkeiten und Ziele in diese religiöse Gemeinschaft mit einbringen will.

Wie jedes sich entwickelnde Lebendige, so unterliegt auch das Christentum in seiner Erscheinung auf Erden der Wandlung. Es muss ständig darum ringen, neu Ausdruck jenes Wesens zu werden, dessen Namen es trägt. Somit ist jede Erneuerung auf diesem Felde abhängig von der Fähigkeit, aus dem Christuswesen zeitgemässe Formen für das religiöse Leben zu empfangen. Insofern verdankt die Christengemeinschaft ihre Entstehung der Erweiterung der Naturwissenschaft durch die Geisteswissenschaft, wie sie am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Anthroposophie hervorgetreten ist.?Die Begegnung mit der Anthroposophie und ihrem Begründer Dr. Rudolf Steiner veranlasste 1920 zunächst einige Studenten und in der Folge eine Reihe weiterer Persönlichkeiten, nach einer religiösen Erneuerung zu fragen. Rudolf Steiner hatte durch die Anthroposophie bereits auf vielen Gebieten des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens Anregungen zu Erneuerungen geben können. Daraus ist die Waldorfschule (Rudolf Steiner Schule), die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die anthroposophische Heilpädagogik, die Eurythmie, die Bewegung für Dreigliederung des sozialen Organismus, eine geisteswissenschaftlich erweiterte Medizin und vieles andere möglich geworden.

In verschiedenen Kursen hat Rudolf Steiner auf die Anfrage der nach religiöser Erneuerung Suchenden geantwortet. Als Mittler zur göttlich-geistigen Welt eröffnete er die Möglichkeit, dass schliesslich im September 1922 im damals noch bestehenden ersten Goetheanum in Dornach die Gründung der Christengemeinschaft stattfinden konnte. Die Menschenweihehandlung wurde am 16. September zum ersten Mal zelebriert. In den folgenden Tagen wurden alle 45 zu diesem Gründungsereignis versammelten Persönlichkeiten zu Priestern geweiht. Unter ihnen waren Dr. Friedrich Rittelmeyer und Lic. Emil Bock als maßgebende Persönlichkeiten. Zu dem Kreis der Begründer gehörten auch drei Frauen. Damit war das erste Mal in der christlichen Geschichte das Priestertum auch der Frau anvertraut. Es hat sich seither im Leben der Christengemeinschaft erwiesen, wie segensreich und zukünftig die Zusammenarbeit von Priesterinnen und Priestern ist. Alles einseitig Männliche kann dadurch ergänzt und überwunden werden.

Die Christengemeinschaft ist von Anfang an selbständig, ohne jede Bindung an die bestehenden Kirchen oder ihre Verbände. Sie führt das Christentum in Kultus und reformatorischer Gesinnung in erneuerter Gestalt fort.

Durch den Standort des ersten Goetheanums in Dornach (bei Basel) ist das Wirken der Christengemeinschaft von Anfang mit der Schweiz verbunden. Die ersten Gemeinden wurden aber ab Advent 1922 zunächst in Deutschland begründet. 1925 erfolgte dann die Ausweitung der Arbeit in die Schweiz.